10.) Sammy unterwegs – Der richtige Weg zum richtigen Verhalten

Hier nun wieder gute und schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht ist, das Dein Hund schon alles weiß. Er weiß wie man sitzt, liegt, läuft, springt und vieles mehr. Die schlechte Nachricht ist, das Dein Hund leider nicht Deine Sprache spricht. Um mit unserem Hund zu Kommunizieren müssen wir seine Sprache sprechen. Wie in Kapitel 7 bereits erläutert, Hunde lernen anhand von Erfahrungen.

Jetzt liegt es an uns, dem Hund ein Verhalten zu entlocken das von uns belohnt werden kann und das sich dadurch als positive Erfahrung in seinem Gedächtnis einprägt. In den guten, alten Tagen wäre dies nun der Zeitpunkt für den Ausbildungsleiter, die Leine und das Stachelhalsband aus der Tasche zu ziehen… Nein, aber wir machen so etwas nicht!

Es gibt fünf verschiedene Techniken* die wir in unserem Ausbildungsprogramm nutzen werden: capturing (erfassen), shaping (gestalten), imitating (imitieren), luring (locken) und molding (formen).

*Hinweis: Die Originalausdrücke kommen aus der Amerikanischen Verhaltensforschung und sind daher nur bedingt zu übersetzen. Ich habe viele Webseiten im deutschsprachigen Internet gesehen die z.B. “shaping” als “formen” bezeichnen – dies wäre aber die bessere Übersetzung für “molding”.

Erfassen (capturing). Einfache Verhaltensweisen können in der Regel einfach “erfasst” werden. Wir sprechen von “Erfassen” wenn unserer Hund ein korrektes Verhalten komplett und selbständig anbietet. Das “Sitz” ist hierfür ein gutes Beispiel, da sich Hunde naturgemäß oft hinsetzten. In diesem Fall brauchen wir das richtige Verhalten nur “markieren”, belohnen und später mit einem Hörzeichen verbinden.

Gestalten (shaping). “Gestalten” ist die am häufigsten gebrauchte Trainingsmethode für komplexe Übungen in der Welt der gewaltfreien Hundeausbildung. Eine Übung zu “gestalten” bedeutet eine etwas schwierigere Aufgabe. Die Übung muss in eine Vielzahl von kleineren Teilaufgaben zerlegt werden, die dann von unserem Hund Schritt für Schritt erlernt werden können. Ein gutes Beispiel ist wieder die “Sitz” Position. Dein Hund sitzt vor Dir und Du möchtest ihn aus dem Vorsitzen in die Grundstellung neben Dir bringen. Diesmal möchtest Du aber dass er sich vor Dir in einem Halbkreis nach links bewegt, bis er auf Deiner linken Seite angekommen ist. Dazu hebst Du Deine Arme an und drehst dann Deinen ganzen Oberkörper schwungartig nach links, fast wie bei einem Tanz. Anfangs wird Dich Dein Hund ganz schön blöd angucken und sich wundern, was für verrückte Sachen der Chef da macht. Du machst aber unbeeindruckt weiter. Dein Hund weiß noch nicht was los ist, und er wird dann mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann Deiner Bewegung folgen – wenn auch nur ein wenig. Genau auf diesen Moment haben wir gewartet! Wir markieren das korrekte Verhalten unseres Hundes (Klicker oder verbal) und belohnen ihn. Das wird er sich merken. Wenn wir nun die Übung fortsetzen, wird er sich erinnern und viel schneller eine Bewegung anbieten für die er dann wieder belohnt wird. Von nun an belohnen wir aber nur noch größer Seitenbewegungen des Hundes, das ganze wird dann so weit fortgesetzt bis der Hund schließlich den kompletten Bewegungsablauf gelernt hat. Dies kann Tage dauern. Unser Hund hat jetzt nicht nur gelernt wie er sich bei uns an die Seite setzen soll, er hat gelernt wie er durch Beobachtung und ausprobieren selbstständig zum Erfolg kommen kann, ohne Leine, Halsband oder Zwang. Als ich mit dem “Gestalten” von Übungen begann, haben mich mein Hund (und mein Nachbar) nur fragend angestarrt. Nach einer Weile und etlichen Wiederholungen kamen wir an einen Punkt an dem ich deutlich sehen konnte, dass bei meinem Hund plötzlich der Groschen gefallen war. Wenn ich nun eine neue Übung beginne schmeißt mir Andy erst einmal sein ganzes Repertoire an gelernten Übungen entgegen, nur um zu sehen ob ich eins davon “gebrauchen” kann: “Sitz”? “Platz”? “Auf Seite liegen”? “Pfote”? und so weiter. Sobald er aber realisiert das er nicht so einfach davon kommt fängt er an kreativ zu werden, man kann klar erkennen wie genau er meine Gestik und Mimik verfolgt, um zu verstehen was ich will. Eine wirkliche Verbesserung, verglichen mit dem fragenden Blick den er mir anfangs gab.

Locken (luring). Wir können ein Leckerli oder ein Spielzeug benutzen um unseren Hund in eine gewünschte Position zu “locken”. Locken kann anfangs auch mit dem Gestalten von Übungen kombiniert werden, falls Dein Hund damit Verständnisschwierigkeiten hat (allerdings wird er durch ständiges locken keine eigenen Problemlösungsfähigkeiten erlernen). Die “Sitz” oder “Platz” Übungen lassen sich hervorragend durch Locken mit einem Leckerli erlernen. Sobald Dein Hund eine neue Übung durch locken sicher erlernt hat, kannst Du mit dem Abbau des Lockobjekts (z.B. Futter) beginnen und ihn einfach nur Deiner Handbewegung folgen lassen um ihn dann am Ziel zu belohnen.

Imitieren (imitating). Junge Wölfe lernen viele ihrer wichtigsten Lektionen durch Beobachten und Imitieren von älteren Rudelmitgliedern. Das Lernen durch Beobachten anderer, wird Imitieren (oder manchmal auch Modellieren) genannt. Leider sind die meisten von uns nicht in der Lage diesen Umstand zu nutzen. Hunde können kein menschliches Verhalten durch Nachahmung erlernen, und nur wenige von uns haben das Glück noch einen weiteren, gut ausgebildeten und sozialisierten Althund, der als Lehrmeister dienen kann, zu Hause zu haben. Ist dies doch der Fall, ist es empfehlenswert diesen Hund mit ins Trainingsprogramm des Junghundes einzubeziehen. Viele Übungen wie zum Beispiel Sitz, Platz, Herankommen oder Springen, können auf diese Weise einfach trainiert werden. Hier jedoch noch ein Wort zur Vorsicht: Junge Hunde sind wie kleine Kinder, und Du kannst Dir sicher sein, dass sich unerwünschte Verhaltensweisen des Althundes im Handumdrehen auch beim Junghund wiederfinden.

Formen (molding). Unter “Formen” verstehen wir die Inanspruchnahme jeglicher Art von Hilfsmitteln um unseren Hund in die gewünschte Position zu bringen. Dies ist die ineffektiveste Methode der positiven Ausbildung und wird daher von motivationsorientierten Trainern am seltensten angewendet. Schließlich lernt unserer Hund nichts, wenn er nur von uns herumgeschoben wird. Formen kann hilfreich sein, wenn, es im Zusammenhang mit Locken verwendet wird, wobei das Locken die Aufgabe hat unseren Hund zu bewegen und das Formen lediglich sicherstellen soll, dass er immer in der korrekten Schlussposition landet. Sobald der Hund dies erlernt hat sind wir immer noch auf das Gestalten angewiesen damit unserer Hund verstehen lernt, dass er nur belohnt wird, wenn er sich seine erlernte Übung selbst erarbeitet. Die Inanspruchnahme von passiven Hilfen, wie z.B. Zäunen oder Wänden, die wir nutzen um unserem Hund das Geradelaufen oder -Sitzen einfacher machen, zählt nicht als “Formen”, da der Hund durch diese nur unterbewusst beeinflusst wird.

(Hinweis: Dieser Abschnitt gehört zu einem Artikel über die Grundlagen der positiven Hundeausbildung.
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